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Britta Erlemann: Freie Journalistin / Arbeitsproben

Freie Journalistin
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Das Denken üben

"Wie ich die Welt benenne, so wird sie auch auf mich wirken."

Herr Dr. Schulze, Sie selbst sind seit einem Vierteljahrhundert im Rudolf Steiner Institut für die Ausbildung von Waldorfpädagogen zuständig. Die Anthroposophische Gesellschaft blickt heuer auf 100 Jahre Existenz in Kassel zurück. Wie hat sich Steiners okkulte "Weisheit vom Menschen" in Kassel etabliert?

Der Kasseler Zweig ist in der Tat eine der frühesten Niederlassungsgründungen Steiners und der anthroposophischen Bewegung. Es hat viele Rückschläge gegeben, im "Dritten Reich" gab es viele Kämpfe, Schließungen und Untergrundarbeit. Überleben konnte die Anthroposophie vor allem deshalb, weil sie sehr viele fruchtbare Ableger gebildet hat. Der bekannteste Ableger ist heute die Waldorfschule, an der Oberstufenschüler verschiedene Berufsabschlüsse zusammen mit dem Abitur machen können. Wir haben heilpädagogische Einrichtungen, den Werkhof Drusel des Arbeitstherapeutischen Vereins und das Heil- und Erziehungsinstitut Lauterbad. Die Christengemeinschaft hat eine sehr große Gemeinde hier. Nicht zu vergessen ist das Anthroposophische Zentrum: So ein großes Haus hat die Anthroposophische Gesellschaft nur an zwei weiteren Orten in der Welt - ein wirkungsvolles Haus, auch dadurch, dass es einen Lebensstil prägt durch die Nahrung, die Kleidung und das, was sich hier abspielt.

Wie aktuell ist denn die Lehre Rudolf Steiners heute?

Die Anthroposophische Gesellschaft ist in sehr vielen Gebieten tätig. Es gibt anthroposophisch orientierte Banken, anthroposophisch orientierte Medizin und natürlich die Waldorf-Pädagogik - viele Aktivitäten also, in denen sich Anthroposophie in die Welt-Geschehnisse einmischt. Auch Geschäftsleute geben als Anthroposophen ihren Unternehmen eine besondere Gestalt, wie z. B Götz Rehn mit "Alnatura". Oder nehmen Sie Götz Werner (Drogeriekette dm, Anm. der Red.), der mit der Idee des Grundeinkommens gerade durch die Lande zieht, auf der Basis von Steiners Idee, die Arbeit des Menschen von seinem Einkommen zu trennen. Ferner gibt es die Demeterbewegung mit ihrer ökologischen Landwirtschaft. Sie ist schon über 100 Jahre alt, und mittlerweile entdecken auch die Kaufhausketten deren Öko-Produkte.

Worin sehen Sie den Kern der Anthroposophie?

Dass der Mensch Mensch wird durch Üben. Und dass er übt, wenn er denkt. Er kann sein Denken weiter üben und er kann seinen Willen weiter üben. Und er kann dabei bemerken, dass er mit den Kräften, die in ihm sind und die draußen in der Welt sind, auf eine innige Weise verwandt ist. Das ist der Kern.

Wer steht hinter der Anthroposophischen Gesellschaft in Kassel?

Eine relativ große Gruppe, 330 Mitglieder, eher ältere Menschen, aber sehr initiativ. Das sieht man an diesem Haus hier (dem Anthroposophischen Zentrum, Anm. d. Red.). Menschen haben sich hier ihr Haus zur Wirkung und zur Versammlungsstätte gebaut, die innerhalb der Anthroposophie arbeiten, studieren, sich spirituell üben und auch nach außen wirken wollen.

Hat die Gesellschaft ein Nachwuchsproblem?

Für die persönliche Überlegung "Will ich in die Anthroposophische Gesellschaft gehen?" kann man keine Werbung machen. Ehe die Menschen auf diese Idee kommen, haben sie eine bestimmte Altersentwicklung erreicht. Je stärker die Gesellschaft in der Welt öffentlich wirksam ist, umso stärker werden auch junge Menschen sie bemerken und denken: "Aha, da geschieht etwas!" Das scheint bisher aber nicht so gelungen zu sein.

Sie finanzieren sich im Wesentlichen über Spenden. Woher stammen die?

Von Mitgliedern der Gesellschaft und aus einem großen Umfeld von Nicht-Mitgliedern, die zum Beispiel die Schulbewegung oder Anthroposophie in der Medizin schätzen. Es gibt auch Stiftungen von Unternehmern, die ein besonderes Augenmerk auf anthroposophische Initiativen haben.

Ludwig Noll war Arzt und Begründer der Anthroposophischen Gesellschaft in Kassel. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, die zum Klinikum Kassel gehört, ist nach ihm benannt. Wie verträgt sich Anthroposophie mit Psychiatrie?

Steiner ging es darum zu zeigen, dass es eigentlich keine Geisteskrankheiten gebe, sondern dass der Geistesmensch sich mit dem Leib verbinde. In dieser Verbindung können durchaus alle mögliche Arten von Störungen auftreten, die aber meistens ihre Ursache in der Geschichte des Menschen haben. Insofern gibt es in verschiedenen Krankenhäusern - Filderstadt in Stuttgart und in Herdecke - Abteilungen, die sich mit seelischen Problemen des Menschen sehr intensiv beschäftigen und weniger im Bereich der Pharmakologie tätig sind, sondern eher im Bereich der künstlerischen Therapie. Der Anspruch ist: Den Menschen so handlungsfähig zu machen, dass aus seinem Problem vielleicht sogar eine Stärke wird.

In der Anthroposophie tauchen als zentrale Begriffe Reinkarnation und Karma auf. Wird das in unserer materialistisch orientierten Zeit noch ernst- und angenommen?

Vor etwa zehn Jahren gab es eine Werbung mit dem Slogan unter einem Blechschild "Ich war eine Dose"… Der Gedanke, dass sich das Leben verwandelt, ist durchaus populär. Die erste Ausgabe des Spiegels war in diesem Jahre dem Thema "Schicksal" gewidmet. Das Thema ist also durchaus aktuell. Der Gedanke von Steiner, dass der Mensch in einer bestimmten Schicht seines Lebens in einem Ursache- und Wirkungsgefüge lebt, und dass vieles, wenn man dafür wach wird, in den Familienverhältnissen schicksalhaft ist und uns prägt, sind im Übrigen aktuelle Ansichten, die z. B. bis in die heutige Familientherapie hinein wirken.

Und wie wird man "wach"?

Indem man bemerkt, dass man in bestimmten Konstellationen lebt, und indem einem bewusst wird: "Das bin ja ich. Die Welt liegt eigentlich zum großen Teil in meiner Gestaltung!" Wie ich sie benenne, so wird sie auch auf mich zurückwirken.

Die Fragen stellte Britta Erlemann

Eingestellt Sept. 07

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