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Britta Erlemann: Freie Journalistin / Arbeitsproben

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Mit Kronen und Gewürzen gegen Dämonen

Sepulkralkultur

Totenkrone
Totenkrone

Einen symbolischen Ersatz schaffen für die Brautkrone, die im Leben vorenthalten blieb - mit dieser Formel lässt sich der Brauch erklären, Verstorbenen eine Krone oder einen Kranz auf ihren letzten Weg mitzugeben. "Ursprünglich handelt es sich um ein Nachholen der irdischen Hochzeit, um den Toten zu besänftigen", erklärt Professor Dr. Reiner Sörries, Leiter des Museums für Sepulkralkultur. Die Hochzeit und damit die Weitergabe des Lebens sei ein universaler Grundzug des Menschen. Wenn ihm dies verwehrt werde, könne der Verstorbene zum bösen Untoten im Reich der Lebenden werden, so die volkstümliche Annahme. Deshalb wurden den Häuptern von unverheiratet Verstorbenen, seien es Kinder, Frauen oder Männer, Kronen aufgesetzt, in die Hand gereicht, auf einem Kissen vor dem Sarg hergetragen oder bis zur Grablegung auf diesem abgelegt. Die Totenkronen aus dem 16. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ähnelten durchaus den irdischen Brautkronen - vielfältig in der Form, bunt in der Gestaltung.

Zwei Arten werden unterschieden, die so genannten Eigenkronen und die Leihkronen. Eigenkronen sind Hochzeitskronen am ähnlichsten, "mit viel Flitterwerk, spiegelnd und glänzend", so Sörries. Sie dienten nach seinen Worten der Abwehr von bösen Wünschen und Flüchen durch Zurückwerfen (Spiegeln), zumal in "Lebensübergangsphasen" wie der Hochzeit die Braut oder der Bräutigam als besonders bedroht und anfällig für "Böses" gegolten haben. Auch der Geruch starker Gewürze und Blumen hatten im Totenkult die Funktion, Dämonen und böse Geister fernzuhalten. Gewürze und Blumen finden sich deshalb auf Totenkronen wie auch auf Särgen. Ab der Barockzeit spielen zudem Engel in allen Bereichen eine wichtige Rolle.

Die zweite Form sind Leihkronen. "Die Obrigkeiten wollten die Eigenkronen wegen zuviel Aufwand und Luxus abschaffen. Sie legten dem gemeinen Volk nahe, nur noch eine Krone zu benutzen, die beim Messner auszuleihen war." Nach Gebrauch bei der Bestattung wurde sie dann dem Kirchenmann zurückgebracht. Sie war einfach gestaltet und aus Metall. Ab dem 17. Jahrhundert wurden häufig auch Kränze in Kirchen zum Gedenken aufbewahrt, in Glaskästen und auf Konsolbrettern.

Der Totenkronenbrauch ist überregional belegt und war bei Protestanten wie Katholiken gleichermaßen üblich. Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur widmet dem Brauch unter dem Titel "Totenhochzeit mit Kranz und Krone" nun eine Ausstellung. Die Exponate stammen aus Hessen, Südniedersachsen, Thüringen, Franken und der Mark Brandenburg. Neben Kronen, Kränzen und Archivalien sind auch Grafiken aus dem 16. Jahrhundert bis heute, eine Originalhandschrift von Fontane, Druckerzeugnisse von Goethe und Hölty sowie eine Originalzeichnung von Heinrich Zille zu sehen.

Dass der Totenkronenbrauch gemeinhin im ausgehenden 19. Jahrhundert seinem Ende entgegensteuerte, ist in aller Regel äußeren Umständen geschuldet. So wurden die Totenkronen von Geistlichen vielfach als "Staubfänger" deklariert beziehungsweise im Zuge von Renovierungen aus dem Kirchenraum verbannt. "Man hielt die Kronen für Kitsch und volkstümlich, sie hätten die Architektur gestört", ergänzt der Museumsleiter. Entsprechend schwand auch das Wissen um ihre sepulkrale Bedeutung. Die Kasseler Ausstellung verfolge unter anderem zwei neue Forschungsansätze: Zum einen den der Archäologie, denn seit etwa 15 Jahren würden Ausgrabungen auf Friedhöfen gemacht und so Totenkronen zutage gefördert. Der zweite Aspekt sei der der Restaurierung. So wisse man seit etwa 15 Jahren den Wert der Totenkronen neu zu schätzen, so Sörries: "Durch die Ausstellung soll der Blick geschärft werden für diese Zeugnisse, weil auch heute noch zu befürchten ist, dass Totenkronen und -kränze einfach wegkommen, weil man ihren Wert nicht erkennt" - ein Appell, der sich insbesondere an "Insider" in der Denkmalpflege, aber auch an Pfarrer und Messner richtet.

Britta Erlemann

Die Sonderausstellung im Museum für Sepulkralkultur ist bis zum 2. März zu sehen.

Eingestellt 11/07

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