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Britta Erlemann: Freie Journalistin / Arbeitsproben

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Spuren von 17 Millionen Nazi-Opfern

Der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen

"Einige Familienmitglieder meinten sichtlich bewegt sinngemäß: `Sonst sieht man so etwas nur im Fernsehen, jetzt haben wir selbst eine Zusammenführung nach zig Jahren in unserer eigenen Familie - das geht ganz schön unter die Haut!´", berichtet eine Antragstellerin im November 2007 dem Internationalen Suchdienst in einem Dankesbrief von der Reaktion einiger ihrer wieder gefundenen Familienmitglieder. "Wir wussten ja nichts von unserer gegenseitigen Existenz!", schreibt sie weiter.

In seinem Leitbild bekennt sich der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen (ITS) zum Dienst für die (nichtdeutschen und jüdischen) Opfer der Naziverfolgung und deren Angehörige, indem er ihr Schicksal mit Hilfe seiner Archive dokumentiert und auswertet. "Sowohl in ihrer Masse als auch in ihrer Einzigartigkeit verdeutlichen diese Dokumente die Gräuel, die zwischen 1933 und 1945 systematisch vom nationalsozialistischen Regime in großem Maßstab verübt worden", erklärt Reto Meister, Direktor des ITS gegenüber Forschern und der interessierten Öffentlichkeit auf den Websites des Suchdienstes. Die Institution bewahrt die historischen Zeugnisse, bearbeitet Suchanfragen zum Beispiel nach ehemaligen KZ-Häftlingen, verschleppten Personen (Displaced Persons) und von ihren Eltern getrennten Kindern. Sie macht die Archive seit November letzten Jahres auch für die Historische Forschung nutzbar. Außerdem stellt der ITS Informationen für die Gedenkarbeit zu Opfern des Nationalsozialismus aus den Archiven zur Verfügung. Er steht für Besuche und zur Besichtigung offen. Auch Bestätigungen über Haft, Zwangsarbeit oder Tod stellt die Einrichtung aus, was Familienmitgliedern zu Rente oder Wiedergutmachung verholfen hat.

Im Jahr 2007 zum Beispiel hatte der Suchdienst über 61.000 so genannte Eingänge, das ist die Zahl der gestellten Fragen. Und über 132.000 "Ausgänge", also Auskünfte. Der ITS verwahrt in seinen Archiven 26.000 laufende Meter an Dokumentenmaterial verschiedenster Art. Die alphabetisch-phonetische Zentrale Namenskartei (ZNK) mit über 50 Millionen Hinweisen von mehr als 17,5 Millionen Personen bildet den Schlüssel zu den Dokumenten und der Korrespondenzablage. In letzterer ist der ein- und ausgehende Schriftverkehr von Antragsstellern abgelegt. Und zur ZNK erklärt Christine Juch vom Bereich Kommunikation "Schreibweisen von Namen sind ein Problem." Allein von "Abramovitsch" gibt es 849 Varianten. Deshalb werden ähnlich klingende Buchstabenkombinationen vereinfacht. Beispiel: Bardt und Bard werden zu Bart.

Und die historischen Dokumente? Zum Beispiel stellt die Abteilung Konzentrationslager-Dokumente Original-Unterlagen der Konzentrationslager zur Verfügung wie Gestapo-Karteien und Deportationsunterlagen. Etwa: Eine Beurteilung aus dem frühen  Konzentrationslager Sachsenburg von 1937 mit dem Vermerk "...ist ein freches, junges Bürschchen, der mehr aus Dummheit und Beschränktheit ein derartiges Wesen an den Tag legt. Es wäre angebracht, ihn recht lange in Schutzhaft zu belassen, damit er Ordnung lernt." Es gibt eine Abteilung Kriegszeit-/Nachkriegszeit-Dokumente, die sich mit Unterlagen von Ausländern befasst, die während des Zweiten Weltkrieges im deutschen Reich waren. Zum Beispiel Unterlagen von Arbeitgebern, Arbeitsämtern und Gemeinden. Oder die Abteilung Suchdienst/Kindersucharchiv. Anhand von Dokumenten wie Geburtsurkunden, Taufscheinen und Kinderakten werden Suchanfragen bearbeitet, die zu dem Personenkreis der Verfolgten und Verschleppten gehören und entweder während des Krieges auf dem Gebiet des Deutschen Reiches verschollen sind oder in der frühren Nachkriegszeit den Kontakt zu den Angehörigen verloren haben. Allgemein hat die Institution für die Suchanfragen auch immer wieder beispielsweise auf  (heutige) Einwohnermeldeämter oder Standesämter zurückgegriffen, um zu Informationen zu kommen. Das Bearbeiten kann bis zu vier Jahren dauern. Seine eigenen Dokumente hat der ITS zum Beispiel durch einen Befehl von 1945 bekommen, der sich an Arbeitgeber, Arbeitsämter, Gemeinden, Polizeireviere und weitere richtete: Unterlagen über Nichtdeutsche, die sich während des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Gebiet aufgehalten haben, seien in Sammelstellen der Besatzungszonen abzuliefern. Und auch die von den Amerikanern bei der Befreiung beschlagnahmten Dokumente der KZs Dachau und Buchenwald finden sich in Bad Arolsen wieder. Im Sommer 2010 wird der gesamte ITS-Bestand voraussichtlich fertig digitalisiert sein.

Seine Wurzeln hat der ITS (International TracingService) in einer Initiative des Hauptquartiers der alliierten Streitkräfte des britischen Roten Kreuzes. In London wird 1943 die Abteilung für Internationale Angelegenheiten in ein Suchbüro, das sich mit Verschollenen befasst, umgewandelt. Über Zwischenstationen wird die humanitäre Institution schließlich 1946 nach Arolsen verlegt. Denn es liegt etwa im geografischen Mittelpunkt der damaligen vier Besatzungszonen und verfügt darüber hinaus über eine intakte Infrastruktur. Nach wechselnden Oberorganisationen arbeitet der Suchdienst heute unter der Aufsicht eines Internationalen Ausschusses und unter Leitung einer Institution mit neutralem und unparteiischem Charakter, des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Der ITS beschäftig heute über 300 überwiegend weibliche Mitarbeiter. Der Jahreshaushalt beträgt 14 Millionen Euro, dabei besteht der größte Teil aus Personalkosten.

Die Arbeit der Einrichtung hat sich über die Jahre verändert: "Das Suchen ist noch ein Bruchteil unserer Tätigkeiten", weiß Meister. "Heute ist das Bedürfnis nach reiner Dokumentation groß: Was findet man in den Dokumenten über die Vorfahren?" Die Bewahrung der Dokumentation über 17einhalb Millionen Personen, die hier vorliege, scheine dem ITS ein wichtiger Beitrag zu sein für die kollektive Erinnerung. Daraus ergebe sich die Aufgabe, die Informationen der Historischen Forschung zugänglich zu machen. "So lassen sich beispielsweise die Transporte der Gefangenen, die Demographie der Lagerinsassen beziehungsweise Fragen zur gesundheitlichen Verfassung und Sterblichkeit künftig intensiv erforschen." (Meister) Für die Belegschaft des ITS ist das Arbeiten dort jedenfalls nicht immer einfach: "Manchmal ist es belastend. Gerade für die, die in der KZ-Abteilung arbeiten und jeden Tag die Unterlagen anschauen", erzählt Mitarbeiterin Juch. Britta Erlemann

Eingestellt 4/08

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