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Britta Erlemann: Freie Journalistin / Arbeitsproben

Freie Journalistin
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Queers in Kassel

Drei Porträts

Authentischer durch Schwulsein

Auf dem Motorrad von Timo Nedowlatschilprangt aufgeklebt eine Regenbogenflagge. Damit gibt er sich als Schwuler zu erkennen. Mit seinem fahrbaren Untersatz hatte er schon oft Ärger, so haben ihm Unbekannte den Sitz mit einer Zigarettenkippe aufgeschmort und den Tank mit einem Schraubenzieher aufgebogen. Er vermutet, dass das mit dem Aufkleber zu tun hat. Ihn abzureißen, sieht der Wirt der schwul-lesbischen Bar und Cafe´ Suspekt in Kassel jedoch nicht ein. Seit 22 Jahren lebt der 44jährige homosexuell. Als er seinen ersten Freund im Cafe´ Musique das erste Mal traf, war er noch mit einer Frau zusammen. Aber: "Es hat mich immer mal interessiert, wie das ist, einen Mann zu küssen", erzählt der gelernte Schreiner. Nachdem sich die beiden Männer dort das zweite Mal begegnet waren, kam es zum Kuss. "Ab da war das Eis gebrochen", berichtet Nedowlatschil. So begann seine erste Männerbeziehung. Am Anfang seines schwulen Lebens hatte er noch Angst: "  Was ist wenn das rauskommt? " Doch bald fragte er sich: "Ist es mir wichtig, was die Nachbarn denken oder ist es mir wichtig, dass ich meine Persönlichkeit entfalten kann?" Nedowlatschil entschied sich für Letzteres. Der Mann mit der weichen Stimme begann, sich in der schwul-lesbischen Szene zu engagieren und stieg in die Organisation der Disco UpArt ein. 1992 eröffnete er dann mit einem Kompagnon das Suspekt.

"Wenn ich angegriffen werde wegen meines Schwulseins, was vorkommen kann, dann ist mein Gegenüber nichts Besseres oder Schlechteres als ich", sagt der 44jährige. So kommt es mal vor,das Leute durch die heruntergekurbelte Fensterscheibe beim Vorbeifahren in sein Cafe´gröhlen.  Und auch bei seinem Kampf gegen die Luftmessstation vor der Bar-Tür fehlt Nedow latschil von Seiten der Behörden Unterstützung. "Schwule haben keine Lobby. Sie dienen als Unterhaltung und dürfen geregelt auf dem Christopher Street Day  laufen", sagt er.  Das sehe man auch daran, dass die schwule Cruising-Area Weinberg, auf der sich früher Männer zum Sex trafen, gerodet worden sei.

Heute lebt der Wirt vom Suspekt seit 14 Jahren in einer festen Männerbeziehung. Durch sein Schwulsein sei  er authentischer geworden. Menschen, die seine sexuelle Orientierung haben, sind ihm jedoch nicht wichtiger, als andere Menschen, die er interessant findet. Und von anderen Schwulen in Kassel wünscht er sich, dass sie sich mehr in die Community einbringen. Er selbst sagt: "Ich beschränke mein Engagement nicht auf eine sexuelle Orientierung", 

Lesbischsein verbindet

Mit neun hatte sie bereits ein Auge auf das sechs Jahre ältere Nachbarsmädchen geworfen. Mit 16 fuhr sie 60 Kilometer im Zug nach Kassel, um zum Junglesbentreffen im Mädchenhaus zu gehen, traute sich aber dann nicht rein. Ein Jahr später hatte Cindy dann die erste Freundin. Ihr Lesbischsein, mit dem sie selbst nie ein Problem hatte, hat sie bei Fragen bis heute nicht verschwiegen, es aber auch niemandem auf die Nase gebunden. Der alleinerziehende Vater stellte ihr jedoch zunächst ein Ultimatum. Seine Tochter sollte sich von ihrer Freundin trennen oder ausziehen. Die damals 18jährige entschied sich fürs Ausziehen und distanzierte sich schmerzvoll vom Vater. Nach etwa zwei Jahren normalisierte sich das Verhältnis zwischen den beiden wieder. Derweil reagierten Freundinnen, Freunde, Verwandte und Kollegen problemlos.

Wenn sich die heute 29jährige in den vergangenen Jahren geoutet hat, hat sie vor allem mit über 70jährigen Männern negative Erfahrungen gemacht: "Die können das manchmal nicht nachvollziehen, weil das Klischee Mann-Frau so tief sitzt", sagt die Studentin. Wenn Jugendliche mal hinter ihr und ihrer Freundin hergegrölt haben "Lesben!", stand sie darüber und winkte einfach zurück: "Ich bin mir bewusst, dass ich einer sexuellen Minderheit angehöre." Nur Gewalt würde sie nicht akzeptieren. In der FrauenLesben- und schwul-lesbischen Szene besucht Cindy gerne die Tanzgelegenheiten. In heterosexuelle Discos geht sie dagegen nicht so oft. "Ich will einfach ungestört sein, privat leben, ohne, das sich Heteros provoziert fühlen und möchte mich auch nicht verstecken", erklärt die gelernte Bäckerin. Gern ist sie auch in der Berliner Szene unterwegs, denn beides empfindet sie als angenehm, offen und frei.

Ihre lesbischen und schwulen Freundinnen und Freunde sind der heute als Single Lebenden sehr wichtig. Der Gedankenaustausch, das gegenseitige Verständnis für die gleichgeschlechtlichen Erfahrungen mit ihnen sei näher als mit Heterosexuellen. Gegen letztere hat sie nichts, doch der (gemeinsame) Standpunkt als Lesbe in der Gesellschaft verbinde eben. So betrachtet sie sich auch als Teil der Queer-Community. Und was das Klima für diese in Kassel anbetrifft meint sie: "Es ist toleranter als auf dem Land."

Geschlechtsangleichung rettete Leben

Auf die geschlechtsangleichenden Operationen hat sich Andrea - früher Andreas - Görmer unheimlich gefreut. Hinterher beschlich sie "ein unbeschreibliches Gefühl: `Endlich bist Du so, wie Du bist.´", erzählt sie heute. Und die 50jährige sagt ganz deutlich: "Wenn ich den Weg nicht eingeschlagen hätte, würde ich heute nicht mehr leben." Bewusst begonnen hatte alles damit, dass Andreas Görmer nach Ende seiner Ehe 1998 ausprobierte, wie es ist, sich als Frau zu geben und zu kleiden. Er führte zunächst ein Doppelleben zwischen Transvestitentum und einem bürgerlichen Leben als Logistikleiter und (heterosexueller) Partner, später dann Single. Der gelernte Speditionskaufmann fühlte sich zerrissen, zweifelte, ob er normal sei und suchte im Internet nach Gleichgesinnten. In den letzten Tagen als Mann lebte Görmer homosexuell, konnte sich aber nicht vorstellen auf Dauer mit einem Mann zusammen zu sein. Den inneren Druck ertränkte er mit Alkohol. 2001/2 besuchte er bundesweit Partys und Stammtische, um sich mit anderen Transgendern auszutauschen. (Transgender ist ein Begriff für Abweichungen von der zugewiesenen sozialen Geschlechterrolle beziehungsweise den zugewiesenen sozialen Geschlechtsmerkmalen (Gender). Quelle: Wikipedia.) "Ich habe mich innerhalb kürzester Zeit mit der Frage intensiv auseinandergesetzt, ob ich transsexuell bin und bin dann zu der Überzeugung gekommen: `Ich bin so´ und habe das für mich angenommen", erzählt Andrea Görmer. Seit 2003 lebt sie als Frau. Es folgten Hormontherapie, die Namensänderung und psychologische Gutachten, die belegen, dass ein Mensch den Wunsch hat, dem anderen Geschlecht anzugehören und dass sich das auch nicht mehr ändern wird. 2003 rief Görmer einen Transgender-Stammtisch ins Leben und besuchte dann Selbsthilfegruppen in anderen Städten. Auch bewegte sie sich viel im Internet in der Transgenderszene. Im Dezember 2004 und im Februar 2005 operierte dann eine renommierte Essener Ärztin Görmer zur Frau. Bereits seit 2003 bis 2008 organisierte sie den Christopher Street Day (lesbisch-schwule Protest-Parade) mit. Heute ist Andrea Görmer eine lesbische Frau.

Auf ihrem Weg vom Mann zur Frau durchlief die Kasselerin auch eine wechselvolle Zeit in ihrem beruflichen Leben. So musste sie ihre Stelle als Logistikleiter hinter sich lassen, weil sie mit dieser männlich dominierten Branche und ihren Grabenkämpfen nicht mehr klar kam. Auch arbeitslos war sie mehrfach, was Andrea Görmer unter anderem auf ihren geschlechtlichen Wechsel zurückführt. Daraus hat sie in Bewerbungsgesprächen nie einen Hehl gemacht. (Ihre Zeugnisse hatte sie auf den neuen Namen umschreiben lassen.) Heute hält sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser.

Zunächst irritiert hätten manche Menschen aus ihrem sozialen Umfeld reagiert, so auch die Eltern, aber dann akzeptierten sie Andrea. Diskriminiert habe sie sich jedoch nur einmal gefühlt. Da hatten die Toilettenfrauen eines Kasseler Einkaufszentrums die Security geholt, weil Andrea Görmer auf die Frauentoilette gegangen war.

Insgesamt sagt die 50jährige, die in Kassel viele queere Freundschaften hat aber: "Ich finde, man kann als von der Norm abweichender Mensch in Kassel friedlich und unbehelligt leben." Seit anderthalb Jahren lebt Andrea Görmer wieder in einer Beziehung.

Hintergrund

"Heute wird queer unter anderem als offene Selbstbezeichnung für alle in irgendeiner Weise von der sexuellen Norm der Heterosexualität abweichenden Personen benutzt. Oder für Menschen, die sich nicht mit einem von nur zwei Geschlechtern identifizieren." (L-MAG-Magazin für Lesben, Ausgabe 1/2010). Im Gegensatz zu Köln und Berlin ist Kassel keine queere Hochburg. Dennoch gibt es einige Angebote mit Tradition wie die Schwulenberatung Rosa Telefon (seit 1986) und regelmäßig seit 2000 den Christopher Street Day. Auch das Frauen(und)Lesbenzentrum - früher Frauenzentrum - ist bereits über 30 Jahre alt. Und das jetzige Lesbentelefon wird im Herbst 10 Jahre alt, hatte aber bereits seit 1997 einen Vorgänger. Wie im Bevölkerungsdurchschnitt gibt es in Kassel schätzungsweise zehn Prozent Homosexuelle. Hinzu kommen Bisexuelle, Transgender und weitere "Queers". Szene-Orte und -Veranstaltungen für sie sind überwiegend entweder für Frauen und Lesben oder schwul-lesbisch.

Eingestellt 5/10

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