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Britta Erlemann: Freie Journalistin / Arbeitsproben

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Chaoten und Normalos

Das Theaterprojekt Chaosium

"Wer von den Darstellerinnen und Darstellern ist nun psychiatrie-, beziehungsweise psychoseerfahren, und wer war nicht offiziell psychisch krank?", fragte ich mich, als ich in "Der geheime Garten" saß, jüngstes Stück des Kasseler Theaters Chaosium. Diese Frage hört die Amateurspielgruppe öfter in Gesprächen nach Aufführungen. Doch dazu gibt sie keine Auskunft. "Auf der Bühne darf jeder so normal oder verrückt wie es die jeweilige Rolle erfordert", sagt Spielleiterin Reinhild Alber.  Und ihr Kollege Dirk Radunz ergänzt, letztlich sei der seelische Hintergrund  beim Theater Chaosium in der Arbeit nicht von Belang. "Wir gucken, was funktioniert."  Entscheidend ist doch dies: "Sie spielen mit Seele, Herz und sehr authentisch", urteilte meine Freundin nach der Vorstellung. Auch ich fand die Aufführung überzeugend und gelungen.

Theater Chaosium, das umfasst einen festen Kern von 25 Darstellerinnen und Darstellern mit und ohne Psychiatrie- und Psychoseerfahrung in zwei Gruppen: Das Chaosium Dienstagsprojekt arbeitet in geschütztem Rahmen auf Präsentationen vor vertrautem Publikum hin. Die Theatergruppe Chaosium "bietet Raum zur intensiven Auseinandersetzung mit Theater, fordert und fördert Eigeninitiative und ein sich Einlassen auf langwierige Entstehungsprozesse eines Stückes." (Website) Ein bis zwei Stücke im Jahr erarbeitet die Gruppe und führt sie in Kassel und anderen Städten auf. "Ausgangsidee ist, Menschen mit Psychiatrieerfahrung die Möglichkeit zu bieten, hinzugehen und Theater zu spielen, ohne die Hemmschwelle zu haben, sich erklären zu müssen, weil man in der Psychiatrie war oder ausfallen zu müssen, weil man in die Psychiatrie muss", erläutert Radunz. Oder auch, sich erklären zu müssen, weil man Medikamente nimmt, die die Aufmerksamkeit verändern, wie bei einigen Darstellerinnen und Darstellern der Fall.

Vor 25 Jahren entstand aus dem soziokulturellen Gedanken heraus, Kultur von allen für alle zu machen, das Vorläufer-Projekt. Die Gesundheitszustände der Amateur-Schauspielerinnen und -Schauspieler decken eine große Bandbreite ab bis zur chronischen Krankheit. Nur in der akuten Psychose sind sie in der Regel nicht dabei, denn dann "landen sie in der Klinik", (Alber). Und selbst von dort sind "Chaoten" - so nennen sich die Gruppenmitglieder liebevoll selbst - schon zu Proben und Aufführungen gekommen, indem sie sich beurlauben ließen. Und was die vermeintlich gesunden Darstellerinnen und Darsteller anbetrifft: "Es gibt Momente, wo man denkt, die Normalen sind mindestens genauso verrückt", berichtet Alber. Jedenfalls müsse sich jeder, ob gesund oder psychisch beeinträchtig durch die Rolle kämpfen, wenn es darum geht, sie zu erarbeiten, sagt sie.

Außer direkt vor Aufführungen ist die Gruppe jederzeit offen für Interessierte. Die Stücke entstehen aus Improvisationen. Vorher sucht zumeist die Gruppe das Thema aus. Oft machen die Spielleiterinnen - die dritte im Bunde ist Lotta Heinisch - und der Spielleiter Vorschläge. Einziges Kriterium: Das Material muss die Gruppe interessieren. Psychiatriebezug ist nicht zwingend. Dann entstehen Szenen und Fragmente, die dann in einem Collageprinzip zum Stück montiert werden. Die Aufführungen richten sich an alle, die sich für die Stücke interessieren, also sowohl an Psychiatrieerfahrene als auch an "Normalos", wie - nicht nur - Darsteller Gerd Becker sie bezeichnet.  Den Epileptiker fasziniert der Werdegang eines Stückes von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Auch habe er durch das Theaterspielen hier viele Freunde gefunden. Und auch Darstellerin Jutta Opalka, ihres Zeichens offiziell nicht psychisch beeinträchtigte Sozialpädagogin, fühlt sich in der Gruppe wohl und findet: "Hier sind unheimlich interessante Persönlichkeiten."

Konnte das Theater in Punkto Enttabuisierung von Psychiatrieerfahrung und psychischer Krankheit in den Köpfen des Publikums etwas bewegen? Opalka meint ja. So werde sie im Bekanntenkreis viel zu dem Thema befragt. Und oft kämen Behandelnde in die Vorstellungen und sähen dann ihre Patientinnen und Patienten in ganz anderem Licht. Auch Highlights hat Chaosium, eines der wenigen Projekte dieser Art in Deutschland, schon viele zu verbuchen. Bei einem sind sich die vier Interviewten einig: Als die Gruppe am Theaterfestival in Italien teilnahm. Außerdem: Der Kulturförderpreis der Stadt Kassel 2006 und der Spot bei Aktion Mensch im ZDF. Insgesamt erntet das Projekt nach Radunz immer wieder Erstaunen, dass es richtig tolles Theater ist.

Info:  www.theater-chaosium.de

Eingestellt 6/11

 

 

 

 

 

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