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Britta Erlemann: Freie Journalistin / Arbeitsproben

Freie Journalistin
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"Andere Filme anders zeigen"

Filmkunst in Kassel


Wie hat der Filmladen in den letzten drei Jahrzehnten das kulturelle Leben der Stadt geprägt?

Er hat eine breite Spur hinterlassen. Als wir angefangen haben hier im Filmladen, war gerade das kommunale Kino (heißt in Kommunaler Trägerschaft, d.A.) geschlossen worden. Es gab nur ein kommerzielles Filmangebot.  Wir sind damals dagegen angetreten mit der Position zu sagen, "andere Filme anders zeigen". Andere Filme hieß abseits des Mainstreams. Andres zeigen, hieß, auch die Filme zu begleiten, wie möglichst Regisseure einzuladen, Darsteller einzuladen, Autoren einzuladen. Und dem Publikum die Möglichkeit zu geben, in Kontakt mit den Filmemachern zu treten. Das haben wir eingelöst. Mit den vielfältigen Programmen, die wir mittlerweile machen von Kinderfilmfestival, Dokumentarfest über europäische Filmreihen und so weiter bereichern wir in Zeiten von zwei Multiplex-Kinos in der Stadt das Programmangebot.

Sie haben schon das Kinderfilmfestival genannt und auch das Dokfilmfestival. Was macht den Kasseler Filmladen so besonders - auch bundesweit.

Es sind zum Beispiel aus anderen Orten wie Bielefeld und Hamburg Kinoinitiativen uns zu gekommen, die sich von uns Rat geholt haben, vom Baulichen bis hin zur Programmgestaltung. Der andere Strang ist der, dass wir mit dem Filmladen zu einem Kreis von 2-300 Kinos gehören, die sich zusammengeschlossen haben zu einem Verband, der European Cinemas heißt. Kinos, die sich charakterisieren, durch ein sehr anspruchsvolles Programm. Und auch durch einen hohen Anteil europäischer Produktionen im Programm.

Das Stichwort Multiplex fiel eben schon mal. Wie behauptet sich denn der Filmladen gegenüber so einer Konkurrenz?

Also der Filmladen als eingetragener Verein bildet, um bestehen zu können, mittlerweile mit der Bali-GmbH, den beiden Bali-Kinos und dem Gloria-Kino eine Abspielgemeinschaft.  Wir versuchen natürlich mit dem Filmladen in der Gemeinschaft kleinstem Kino mit seinen 77 Plätzen einerseits immer den Spagat zu gehen zwischen dem Blick auf das wirtschaftliche Überleben. Das heißt, auch wir sind gezwungen, Filme, die ein gewisses wirtschaftliches Potenzial haben, in das Programm hineinzunehmen. Andererseits bieten wir aber auch ganz stark jungen Filmemachern und Nachwuchsregisseuren ein Forum, hier ihre Filme vorzustellen. 

Und das heißt, wie steht der Filmladen zurzeit wirtschaftlich da?

Beim Filmladen kommt als wesentlicher wirtschaftlicher Faktor das Open-Air-Kino dazu. Das erklärt sich aus den 77 Plätzen. Damit kann man ein Kino auf Dauer nicht wirtschaftlich führen. Das heißt wir sind angewiesen auf zusätzliche Erlöse und für den Filmladen ist das halt das Open-Air Kino. Acht bis zehn Wochen, sechshundert Plätze auf dem Hof, bei gutem Wetter gut gefüllt, das ist natürlich so die wirtschaftliche Basis des Filmladens. Das heißt, haben wir einen schlechten Sommer, dann sind wir auch existenziell ziemlich am Wackeln. Das ist uns bisher glücklicherweise  in einer starken Intensität noch nicht passiert

Kommen wir noch mal zum Anfang des Fimladens. Das Ganze basiert ja auf einer studentischen Initiative. Wie ist denn der Filmladen eigentlich entstanden?

1979/80 haben sich aufgrund einer Anzeige in der damaligen Stadtzeitung Menschen gefunden, die Interesse an Film, an Kino hatten. Die wollten an dem Filmangebot in dieser Universitätsstadt etwas verändern, aber nicht unbedingt mit dem Ziel, ein Kino aufzumachen. Das waren Leute, die hier Film studierten oder wie ich aus anderen Städten kamen und dort von einem breiten Kinoangebot verwöhnt waren. Daraus folgten in 1980 Filmnächte an der HBK (Hochschule für bildende Künste, d.A.). Das stieß auf fruchtbaren Boden. Wir haben mit diesen Veranstaltungen uns ein bisschen Kapital erwirtschaftet. Dann entstand schon die Idee: "Funktioniert das mit einer festen Spielstelle?"  Der gebürtige Kasseler Filmemacher Mike Wiedemann hat uns mit 5000 DM unterstützt. Und plus Bürgschaften hatten wir dann 15.000 DM Startkapital zusammen. 1981 starteten wir mit dem Filmladen. Die ehemalige Lagerhalle konnten wir dem Bund günstig abkaufen. Die Bestuhlung haben wir geschenkt bekommen.

Wie hat sich der Filmladen dann entwickelt?

Wir haben das Kino zunächst mit sehr viel Herzblut, aber nebenbei gemacht. Das hieß auch, wir haben nur von Donnerstag bis Sonntag gespielt. Es gab Montag immer ein offenes Plenum, wo jeder kommen konnte, seine Filmwünsche einbringen konnte und mitarbeiten. So hatten wir die ersten zwei Jahre eine sehr große Fluktuation. Das Programm war stark bestimmt durch die, die gerade bei den Plena da waren und ihre Vorschläge einbrachten. Wir zeigten viele kleine ambitionierte Filme. Das stieß auf großes Interesse. Anfang der 80er Jahre war der Vordere Westen noch ein bevorzugtes Wohngebiet der Studenten. Wir waren sozusagen mitten im Herzen des Publikums, das wir ansprechen wollten. Mit dem Publikumszustrom waren wir so zufrieden, dass wir  im Laufe der ersten drei bis vier Jahre dazu übergegangen sind, den Spielbetrieb nach und nach von den Tagen her auszuweiten und nach zwei Jahren vom 16 Millimeter-Format  auf das normale Kinoformat von 35 Millimetern umgestiegen sind.

Machen wir einen kleinen Sprung. Wie und wann kam es zu dem Zusammenschluss mit Bali und Gloria?

Wir stießen an die Grenzen der Kapazitäten, die dieses Kino bieten kann. Weil wir noch engere Reihen hatten, hatte es noch 90 Sitzplätze gehabt. Draus entstand die Idee, eine zweite Abspielstelle zu suchen. 94/95 ging dann die Überlegung in Richtung Kulturbahnhof. Es gab dort einen Kinosaal. Um das finanziell stemmen zu können, gründete man eine eigenständige GmbH, die sich zusammensetzt aus vier Mitarbeitern, die  bis dahin im Filmladen mitgearbeitet haben. Über Fördermöglichkeiten und über eine Bank, die stark ins Boot stieg und über ein Bürgschaftsdarlehen seitens der Stadt war es dann möglich, die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Das war ein Objekt, das von den Kosten bei 1,8 Mio. lag.

Und das Gloria kam dann später dazu?

In 2001/2002. Das Gloria war frei, und die Hausbesitzern, Frau Scheffer, ist auf uns zugekommen und hat uns gefragt, ob wir uns nicht vorstellen könnten, das Kino zu bespielen. Da haben wir nicht sehr lange drüber nachgedacht, weil das von den alten Kasseler Kinos unser Lieblingskino ist mit diesem großartigen Flair der 50er Jahre.

Was hat sich denn noch so verändert in 30 Jahren Filmladengschichte?

Der politisch engagierte Film hat es heute schwerer als in unseren Anfängen. Auch ist im Zuge von einem erhöhten Arbeits- und Leistungsdruck der Wunsch nach Ablenkung beim Kinopublikum gestiegen. Und wir bekommen über unsere studentischen Hilfskräfte im Vorführ- und Kassenbereich mit, dass sich Studierende im Gegensatz zu früher nicht mehr einfach mal so für ein Semester in einem Projekt engagieren und das Studium schleifen lassen können.

Heißt das denn auch für den Filmalden, dass Sie hier weniger politisch orientierte Filme zeigen?

Wir zeigen nach wie vor auch politische Filme. Mit unseren Veranstaltungen, wie dem Dokumentar- und Videofilmfest, auch durchaus mit den Kinderfilmfesten versuchen wir gegen den Strom zu schwimmen.

Was waren Highlights in den 30 Jahren? Beispielhaft.

Zum Beispiel haben wir 1987 eine Veranstaltung in der Stadthalle gemacht mit einem Symphonie Orchester und haben von Sternberg "The Last Command" gezeigt. Ein Stummfilm mit Life-Begleitung. Das war für uns eine sehr riskante Veranstaltung. Das Orchester hatte 70 Musiker. Die haben wir eingekauft für diese Veranstaltung, ohne zu wissen, ob das Ganze angenommen wird. Und sie ist toll angekommen.

Was sind Zukunftspläne und Wünsche?

Wir werden den Filmladen im Laufe der nächsten zwölf Monate digital ausrüsten, bzw. die digitale Ausrüstung, die wir hier haben, erneuern.  Außerdem sind wir bemüht, neue Zuschauerkreise für das Kino zu gewinnen, natürlich auch ganz stark junge Zuschauer. Und zwar vor dem Hintergrund, dass in Zeiten von Internet, Youtube und DVD das Sehverhalten und die Sehgewohnheiten der jüngeren Generation eben andere sind, wie die, mit denen wir aufgewachsen sind. Film hat sich möglicherweise auch losgelöst vom klassischen Ort des Kinos. Damit sind wir wie alle unsere Kollegen bundesweit konfrontiert.

Eingestellt 7/2011

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